Der Virgentaler Opferwidder

Am Weißsamstag, so nennt sich der erste Samstag nach Ostern, findet sie alljährlich statt, die Widderprozession zur Wallfahrtskirche Maria Schnee. Im Ortsteil Obermauern treffen die zwei Bittprozessionen aus Prägraten und aus Virgen zusammen. Eine der beiden Gemeinden führt einen weißen Widder mit sich, der mit Bändern und Blumen geschmückt ist. Gemeinsam ziehen sie hinauf zur Wallfahrtskirche Maria Schnee, wo das „Opfertier“ nach altem Ritual vor der Messe dreimal um den Altar geführt wird. 

Jedes Jahr übernimmt eine Fraktion von Virgen oder Prägraten die Haltung des Opferwidders. Ein Bauer hat die ehrenvolle Aufgabe, den weißen gehörnten Steinschafwidder zu halten, zu pflegen und ihn für den großen Auftritt vorzubereiten. Der Halter hatte früher das Recht, in der Gemeinde als Entschädigung den „Widderweizen“ einzusammeln, heute erhält er eine finanzielle Entschädigung.

Das Virgentaler Opferwidder-Brauchtum gründet sich auf ein Verlöbnis aus dem Jahr 1635. Damals herrschte in der Region eine verheerende Pestepidemie. Laut Überlieferung haben die Virger und Prägratner in ärgster Not Zuflucht zu Gott gesucht und eine jährliche Prozession mit einem weißen Widder nach Lavant verlobt, um von der Seuche erlöst zu werden. Ein Votivbild in der Obermaurer Kirche, das einen gegen den Tod kämpfenden Widder darstellt, zeugt von diesem immerwährenden Verlöbnis.

Seit 1920

wird der „Lauantwidder“, wie er umgangssprachlich noch immer bezeichnet wird, nicht mehr nach Lavant, sondern nach Obermauern geführt. Wurde das Tier in früherer Zeit nach der Messe versteigert, so ist man jetzt zum Losverkauf übergegangen. Der Gewinn daraus kommt heutzutage den Pfarrgemeinden von Virgen und Prägraten a.G. zu Gute. Der glückliche Gewinner darf den Widder behalten oder weiterverkaufen.
Das Brauchtum des Virgentaler Opferwidders wurde von Generation zu Generation weitergegeben, hat sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt und der Zeit angepasst. Sind viele ähnliche Traditionen in anderen Orten im Laufe der Zeit abgekommen, so hat die des Virgentaler Opferwidders die Jahrhunderte überlebt und wird auch künftig von den Gläubigen fortgeführt werden. Während der gemeinschaftliche Zug in der Vergangenheit etwa dabei half, die traumatischen Erfahrungen von Seuchen zu bewältigen, dient er heute der Stärkung der Dorfgemeinschaft und wohl auch der Identität. Die Opferwidderprozession ist ein lebendiges Beispiel für Brauchtum, das noch gebraucht wird.

Immaterielles Kulturerbe der UNESCO

Die Bedeutung dieses ibald 400 Jahre gepflegten Brauches wurde 2015 durch die Anerkennung als Immaterielles Kulturerbe der UNESCO gewürdigt. 

Die Anerkennung des Virgentaler Opferwidders als „Immaterielles Kulturerbe“ erfolgte auf Antrag der Bürgermeister der beiden Gemeinden, Dietmar Ruggenthaler und Anton Steiner. Eine Empfehlung zur Aufnahme gab auch Universitätsprofessor Dr. Olaf Bockhorn. Der Ethnologe mit engem Virgenbezug hat sich eingehend mit dem Brauch beschäftigt und eine ausführliche Dokumentation verfasst. Solche gibt es auch von dem aus Virgen stammenden Volkskundler Mag. Reinhard Bodner und dem Leiter des Innsbrucker Volkskunstmuseums Mag. Karl C. Berger.

Die Votivtafel

Ein Votivbild in der Obermaurer Kirche, auf dem ein gegen den Tod kämpfender Widder dargestellt ist, zeigt den Anfang dieses Brauchs, der bis heute getreulich eingehalten wird. Manchmal haben auch Private – sei es aus Dankbarkeit oder als Fürbitte – neben dem „offiziellen“ einen eigenen Widder geopfert.

Außer dieser Sage gibt es noch folgendes Erzählgut darüber, warum Lavant als Ziel der Wallfahrt auserkoren wurde:

„Hirten, welche in dieser Gegend ihre Schafe weideten, vermissten auf einmal die ganze Herde. Sie suchten und fanden diese vom Gebüsch umgeben – und zu ihrem nicht geringen Erstaunen alle Schafe auf die Vorderfüße niedergebeugt. Als sie in dem dichten Unterholz nach der Ursache forschten, entdeckten sie ein Marienbild, vor welchem sie nun selbst in Ehrfurcht niedersanken. So die Legende, welche die damaligen Virgener sicherlich kannten.“

„Das Versprechen wurde anfangs getreu eingehalten. Aber ein paar Jahre später hätten die Virger, sorglos geworden, ihr Gelübde nicht erfüllt – so geht die Sage. Daraufhin sei die Pest abermals gekommen. Wiederum in höchster Verzweiflung, erneuerte man das Gelöbnis, jetzt allerdings mit dieser Änderung: das Opfer sollte nun in der Pfarrkirche von Lienz dargebracht werden (was die Prozession um etliche Kilometer verkürzt hätte). Doch als der Widder über die Lienzer Pfarrbrücke geführt wurde, habe er sich losgerissen, sei in die Isel gesprungen und dann bei Lavant ans Land geschwommen. Dort wäre er als `verlobtes Opfertier´ selbst in die Kirche hinaufgegangen.“

(Beide Texte – teilweise geändert – aus: Osttiroler Heimatblätter, Heft 5, 1925)

Der Frauengürtel

Ein seltener, mit der Wallfahrtskirche „Maria Schnee“ in Obermauern verknüpfter Brauch soll hier auch Erwähnung finden, obwohl er heutzutage nicht mehr ausgeübt wird.

Die mündliche Überlieferung besagt, dass es im 17. Jahrhundert während des Hochsommers mehrmals verheerende, meterhohe Schneefälle gegeben hätte. Um die Hilfe der „Madonna im Schnee“ gegen solche Wetterunbilden zu erlangen, verlobte man als außergewöhnliche Opfergabe, die Kirche jedes Jahr mit einer extrem langen Kerze zu umgürten. Sie maß gut 100 Meter: Das Gotteshaus ist 29 m lang und 13 m breit, ergibt als Umfang 84 m. Mit Berücksichtigung der „Ausbuchtungen“ von Turm und Sakristei wird die angegebene Länge wohl stimmen.

Für den „Gürtel“ wurde auf dem Spinnrad hergestelltes Hanfgarn zum Docht gedreht und anschließend mehrmals durch flüssiges Wachs gezogen. Kurz vor der Widderprozession, also in der Woche nach Ostern, hängte der Mesner dann die „Kerze“ auf – dafür eingeschlagene Haken sind heute noch an den Außenwänden zu sehen. Nach dem Rosenkranzfest (7. Oktober) wurde sie schließlich abgenommen, in handliche Stücke zerschnitten und den Wallfahrern gegen ein geringes Entgelt verkauft. Diese „Mitbringsel“ von der Pilgerreise fanden vor allem als Sterbekerzen Verwendung.

Brauchtum im Jahreslauf

Räuchern

Die Rauhnächte (Rauchnächte) dauern von Weihnachten bis 6. Jänner. Bei uns ist es – vor allen in Bauernhöfen – üblich, dass die Familie am Heiligen Abend, zu Silvester und am 5. Jänner betend durch alle Räumlichkeiten im Wohn- bzw. Wirtschaftsgebäude geht und sie mit einer auf Glut gelegten Mischung von Weihrauch und getrockneten, geweihten Kräutern räuchert. Damit soll das Anwesen vor Krankheit und Unglück geschützt werden. In einem alten Text (um 1520 n. Chr.) heißt es: „… zwischen Weihenacht und Heyligen drey König tag ist kein hauß, das nit all tag weiroch rauch in yr herberg mache, für alle teüfel, gespenst und zauberey.“ (Zitat aus de.wikipedia.org/wiki/Rauhnacht)

Sternsingen

Seit den 1950er-Jahren von der Katholischen Jungschar organisiert, um Projekte in Entwicklungsländern finanzieren zu können, wird die Aktion jetzt hauptsächlich von SchülerInnen durchgeführt. Um 1990 herum stellte sich auch der Männerchor Virgen mehrmals in den Dienst der guten Sache.

Bei uns ist der Brauch allerdings schon viel älter, damals stand er im Zusammenhang mit der Musikkapelle (1820 gegründet). „Die Entlohnung für Musikanten bestand in dem sogenannten Sternsingen um Weihnachten, wobei … viel Unfug getrieben wurde. … Das Sternsingen aufzulassen ging wegen des Wegfalls der Besoldung ... nicht, denn es gab doch jährlich bei 70 Vierlinge Roggen ab. … Damit das leidige Sternsingen unterbleibe, ließ sich die Gemeinde herbei, den Musikanten jährlich 20 Gulden auszuzahlen (1889).“ (Zitat, leicht abgeändert, aus: Chronik der Volksschule Virgen)

Maibaum

Das Aufrichten eines Maibaums hat in unserem Ort keine weit zurückreichende Tradition, sondern wurde nur fallweise von einem Verein oder einer Gruppierung (z. B. der Jungbauernschaft) organisiert. Dabei hielt man sich an die bei diesem Brauch üblichen Regeln, d. h., „Nachtwache“, damit der Baum nicht gestohlen wird, „Maibaumkraxeln“ etc.

Vandalenakte bedeuteten das vorläufige Ende für den Brauch: nachdem die Bäume in zwei aufeinander folgenden Jahren außerhalb der „erlaubten Zeit“ massiv beschädigt wurden, nimmt es leider seit einigen Jahren keine Organisation mehr auf sich, den Maibaum wieder „auferstehen“ zu lassen.

Herz-Jesu-Feuer

Sein Ursprung sind wohl die „heidnischen“ Sonnwendfeuer; sie werden auch in unserer Zeit noch vielerorts entzündet. 1796 hat man in Tirol diesen uralten Brauch umgedeutet – damals stand eine Invasion der französischen Truppen Napoleons bevor, auf die man nicht vorbereitet war. Angesichts dieser Notlage wurde bei einem Treffen der Landstände in Bozen beschlossen und beschworen, das weitere Geschick dem „Heiligsten Herzen Jesu“ anzuvertrauen. Als dann die Franzosen tatsächlich vom Tiroler Landsturm besiegt werden konnten, erhielt der Herz-Jesu-Sonntag den Rang eines hohen Feiertags (3. Sonntag nach Pfingsten).

Bergfeuer waren aber auch früher schon ein Mittel zur Verständigung über weite Strecken. Heutzutage werden einerseits auf hoch gelegenen, gut sichtbaren Flächen religiöse Symbole „ausgebrannt“ (z.B. Kreuz, Christus-Monogramm IHS, Herz Jesu), andererseits aber auch „einfache“ Feuer auf Gipfeln und Graten entzündet.

Dieses Brauchtum wird - sofern das Wetter mitspielt - nicht nur von den alpinen Vereinen, sondern auch durch Jugendliche aus den einzelnen Fraktionen gepflegt.

Bergmessen

Solche Gottesdienste in freier Natur erfreuen sich bei Einheimischen und Gästen großer Beliebtheit. Trotzdem haben nur zwei einen „Fixtermin“: das Almblasen  und die Messe bei der Bonn-Matreier Hütte (ca. Mitte August). Die dortige Felsenkapelle ist zwar dem hl. Michael geweiht, feiert aber auch zum Fest „Maria Schnee“ (5. August) ein Patrozinium. Weitere Messen werden nur sporadisch organisiert, so etwa zu „runden Geburtstagen“ von Gipfelkreuzen oder Schutzhütten.

Almblasen

Zwar eine noch relativ junge, aber mittlerweile fest etablierte Veranstaltung, die immer an einem Sonntag zwischen Mitte bis Ende Juli stattfindet und natürlich mit einer Bergmesse verbunden ist. Begonnen hat dieses Treffen von Musikgruppen und Weisenbläsern im Jahr 1990, da mussten sie ihre Instrumente noch auf den 2.653 m hoch gelegenen Speikboden hinaufschleppen.

Mittlerweile wurde der Anstieg ein wenig verkürzt und ein Platz hinter der Zupalseehütte auf 2.500 m als Ziel auserkoren. Die Gruppen kommen nicht nur aus Osttirol, auch Musikanten aus Bayern, Südtirol und sogar aus Belgien geben dem Almblasen eine internationales Flair. Initiator und Organisator war und ist in all den Jahren Fritz Joast.

Erntedank

Für eine gute Ernte dankbar zu sein, ist wohl in allen ländlichen Gebieten verbreitet. Die Besonderheit bei uns: Nachdem die Gemeinde sieben Ortsteile hat, wird in einem 7-järigen „Radl“ jeweils eine andere Fraktion mit der Ausrichtung beauftragt.

Martinsumzug

Er wurde bei uns im Jahr 1974 erstmals durchgeführt und entwickelte sich in der Folge zu einem echten Brauchtum, das besonders den „jüngeren Nachwuchs“ anspricht. Im Kindergarten und in der Volksschule wurden bzw. werden Anfang November fleißig Laternen gebastelt, früher mit Kerzen-, heute mit LED-Beleuchtung. Der technische Fortschritt hat allerdings nichts daran geändert, dass die Kinder bei ihrem Umzug immer noch mit Begeisterung „Sankt Martin, hör, wir rufen dir zu ...“ singen.

Klaubauf

Dieser in der ersten Dezemberwoche geübte Brauch hat sicherlich einige in vorchristliche Zeit reichende Wurzeln. Die wilde Jagd, der Perchtenglaube, das Verdecken des Gesichts durch eine Maske und nicht zuletzt das dröhnende Geläute zur Vertreibung von Dämonen sollen als Beispiele angeführt sein. Auch der Name bestätigt das Gesagte: die Silbe „klaub“ entstand aus dem Germanischen „hlaupan“ und bedeutet „springen, hüpfen“ - so können ja die typischen Hüftbewegungen jedes Klaubaufs umschrieben werden.

Das Christentum hat alles „Heidnische“ in seinem Sinn abgeändert, sodass nun den „wilden Gesellen“ der Heilige Nikolaus als Gebieter vorgesetzt wurde. „Lotter“ und „Litterin“ sind Gestalten, die aus einem alten „Heische-Brauch“ Eingang gefunden haben (heischen = betteln). Natürlich darf zur Auflockerung ein Spielmann oder eine kleine Musikgruppe nicht fehlen.

„Kinder-Klaubauf“ ist eine erstmals in Virgen durchgeführter Veranstaltung, die mittlerweile in mehreren Osttiroler Gemeinden nachgeahmt wird. Am Samstag vor den „Klaubauftagen“ versammeln sich 100 und mehr „Nachwuchs-Klaubaufe“ zu einem Lauf durch das Dorf. Scharen von Zuschauern erfreuen sich an dieser netten „Prozession“. Mit dem ursprünglichen Brauchtum hat diese Veranstaltung jedoch nichts zu tun.